Good Bye, Theory!

 «La domenica delle salme

Gli addetti alla nostalgia

Accompagnarono tra i flauti

Il cadavere di Utopia»

Fabrizio De André, la domenica delle salme, 1990

1 TU Berlin

2 “Senatorin Czyborra: „Ein wichtiger Erfolg in schwierigen Zeiten”

3 Archöologie bleibt

4 Wuppertaler Rundschau

5 DBZ

6 Hessen

7 Wolfgang Becker, dir., Good Bye, Lenin! (Germany: X Filme Creative Pool, 2003), 1:51:42–1:51:57.

8 Ebd., ca. 1:22:53.

9 Jean-François Lyotard, Das postmoderne Wissen: Ein Bericht, Graz/Wien 1986, S. 15.

10 Ebd, S.47.

11 Isabelle Stengers, Une autre science est possible! Manifeste pour un ralentissement des sciences, Paris 2013, S. 103. [Übersetzung: Miriam Seifert-Waibel]

12 Jörg H. Gleiter, Architekturtheorie heute, Bielefeld 2008, S.8.

13 Mission Statement

14 Anna Kornbluh, Immediacy, or, The Style of Too Late Capitalism, London / New York 2023, S.165. [Übersetzung: MSW]

15 Keith Crome, «Paralogy», in: Stuart Sim (Hrsg.), The Lyotard Dictionary, Edinburgh 2011, S. 160. [Übersetzung: MSW]

16 Jean-Luc Nancy, Philosophische Chroniken, Zürich/Berlin2009, S. 55.

17 Friedrich Nietzsche, «Die fröhliche Wissenschaft», in: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe in 15 Bänden, Bd. 3, hg. von Giorgio Colli und Mazzino Montinari (München/Berlin/New York), S. 627.

18 In Italien beispielsweise existiert Architekturtheorie nicht als eigenständiger akademischer Fachbereich: Die theoretische Forschung verteilt sich auf die Bereiche Entwurf, Geschichte, Darstellung, Technik, Restaurierung, Landschaftsarchitektur, Innenarchitektur und Städtebau; ganz zu schweigen von nicht westlichen akademischen Kulturen, in denen alles bisher Gesagte, wenn überhaupt, nur teilweise zutrifft; oder dem jedenfalls anders zu begegnen ist, und zwar in einem solchen Ausmass, dass dies eine gesonderte Diskussion erfordern würde.

1.

Wir haben kürzlich erfahren, dass die Professur für Architekturtheorie an der TU Berlin zum 1. April 2027 (ein Datum, das, wie unschwer zu merken, bittere Ironie nicht entbehrt) nicht neu besetzt wird.1 Die Architekturtheorie wird als eigenständige Disziplin mit institutioneller Vertretung aus der grössten Architekturfakultät der deutschen Hauptstadt verschwinden. Als Gründe werden natürlich situationsbedingte, angeblich unanfechtbare Entscheidungen angeführt, die sich aus dem ergeben, was die Gesellschaft als Gemeinwohl bestimmt hat. Allein im Jahr 2025 hatten die Berliner Hochschulen Kürzungen in Höhe von rund 140 Millionen Euro zu verkraften.2 An der Humboldt-Universität gilt seit dem 1. April 2026 ein Einstellungsstopp. Ihr Fakultätsrat hat beschlossen, das Institut für Archäologie in seiner derzeitigen Form aufzugeben, was sich in den nächsten vier bis fünf Jahren vollziehen wird.3 Diese Institution überstand die Wirren des 20. Jahrhunderts, die Berliner Mauer und die Wiedervereinigung der Stadt. Nun droht sie Sparmassnahmen zum Opfer fallen. An der Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen in Wuppertal sollen bis zu sechs Professuren gestrichen werden.4 Zunächst hatte die Verwaltung geplant, an der Fakultät in den nächsten acht bis zehn Jahren acht Stellen unbesetzt zu lassen, was in der Praxis einer Schliessung des Fachbereichs Architektur gleichgekommen wäre (und nur durch Proteste seitens Mitarbeitenden und Studierenden verhindert wurde).5 In Hessen gehen die staatlichen Hochschulen davon aus, dass ihnen das Förderprogramm von 2026–31 über die sechs Jahre hinweg ein kumuliertes Defizit von etwa einer Milliarde Euro bescheren wird.6

Weitere Anzeichen dafür, dass wir in traurigen Zeiten leben: Die Wirtschaft lässt der Kultur keinen Raum. Nun ist es weder das Ziel dieses kurzen Essays, die Begründetheit gewisser Haushaltsentscheide zu bewerten noch die strategische Sinnhaftigkeit von Investitionen zu diskutieren, deren Beweggründe zumindest teilweise auf der Hand liegen. Was jedoch erfolgen kann, was ein Text dieser Art (verfasst von jemandem, der weder deutscher Staatsbürger noch in Deutschland ansässig ist) zu leisten vermag, ist eine Reflexion der Folgen und vielleicht auch der grundlegenden Ursachen dieser Entwicklungen – schon allein deshalb, weil das Phänomen kein spezifisch deutsches ist: Es ist europäischer, ja sogar westlicher Natur. In Italien, Frankreich, Österreich und den Vereinigten Staaten ist der Kulturbereich schon seit Langem Kürzungen ähnlicher Art ausgesetzt. Natürlich leisten einige Disziplinen Widerstand: jene, die einen unmittelbaren praktischen Nutzen bieten. Wie wir wissen, gilt es in Krisenzeiten, die Grundversorgung zu sichern; da bleibt keine Zeit zum Philosophieren. Und was sind – zumindest aus dieser Perspektive –die Geisteswissenschaften und Künste, wenn nicht ein Zeitvertreib für jene, die nichts Wichtigeres zu tun haben? Schlimmer noch: Sind die Geisteswissenschaften und Künste nicht gar Aktivitäten mit der lästigen Gewohnheit, kritisches Denken hervorzubringen, also eine Infragestellung der bestehenden Ordnung? All das ist für die westliche Kultur, die zunehmend ungeduldiger wird angesichts ihrer eigenen Widersprüche – die letztlich ihr wichtigster Quell der Schönheit sind –, von Tag zu Tag weniger hinnehmbar.

Und was genau ist denn, unter all den Geisteswissenschaften, die Architekturtheorie? Nur ein weiteres akademisches Geplänkel, könnte man sagen; eine Spielart, die einem sehr kleinen Kennerkreis vorbehalten ist, innerhalb einer Praxis, die vielfach behauptet, sie gar nicht zu brauchen. Um zu bauen, so wird argumentiert, müsse man einfach nur weitermachen wie bisher. Man müsse lediglich wissen, wie sich jene vorbildlich «nachhaltigen» Gebäude reproduzieren lassen, die mittlerweile in europäischen Städten allgegenwärtig sind – in der Regel versehen mit grünen Paneelen, künstlichem Mauerwerk und goldenen Fensterrahmen.

2.

«Das Land, das meine Mutter verliess, war ein Land, an das sie geglaubt hatte und das wir bis zu ihrer letzten Sekunde überleben liessen. Ein Land, das es in Wirklichkeit nie so gegeben hat. Ein Land, das in meiner Erinnerung immer mit meiner Mutter verbunden sein wird», sagt Alex am Ende von Good Bye, Lenin!, einem Kultfilm des europäischen Kinos zu Beginn des 21. Jahrhunderts.7 Es ist ein bewegender Film, dessen Stärke in der tragikomischen Konstruktion einer unwirklichen Welt liegt; einer Welt, die von der Liebe eines Sohnes zu seiner Mutter getragen wird; einer Welt, die in dieser Form nie wirklich existiert hat; einer Welt, an die man glauben muss, um sich die eigene Lebenszeit erträglich zu machen. Es fällt allzu leicht, dies zu paraphrasieren: Good Bye, Theory! Was ist Theorie heute schon anderes als etwas Bequemes und Liebenswertes? Bestenfalls bietet sie lediglich geistigen Trost in einer Welt, in der sich die Architektur um fast nichts mehr jenseits praktischer Belange zu scheren scheint.

Und es ist kein Zufall, dass viele von uns, die sich für Theorie interessieren, nostalgische Gefühle für eine Zeit hegen, die wir nie erlebt haben – eine Ära, in der die Architektur danach strebte, sowohl eine kulturelle als auch eine technische Disziplin zu sein, sowohl Diskursfeld als auch Dienstleistung, und in der die theoretische Reflexion ein integraler Bestandteil der Arbeit Architekturschaffender war. Allzu leicht empfinden Schreibende Nostalgie für eine Zeit, in der die Bücher von Architekturtheoretikerinnen und -historikern noch echtes Gewicht zu haben schienen (man denke nur an die üblichen Verdächtigen, die im scheinbar endlosen Reigen von Konferenzen und Publikationen immer wieder neu entdeckt werden – und das sicherlich nicht zufällig: Reyner Banham, Colin Rowe, Manfredo Tafuri usw.). Es fällt schwer, nicht in Nostalgie zu verfallen beim Rückblick auf eine Welt, in der praktizierende Architekten schrieben; auf eine Zeit, in der Architektinnen ihre Praxis auch theoretisch reflektierten; eine Zeit, in der ein Architekt wie Aldo Rossi, einer der kommerziell erfolgreichsten seiner Generation, einen wesentlichen Teil seiner Tatkraft in die theoretische Forschung investierte. Die Sehnsucht hiernach, nach einer Ära, in der Entwurf und Theorie ein echtes Interesse füreinander zu haben schienen, ist fast natürlich (eine kurze, nur vermeintliche Abschweifung vom Thema: Der akademische Betrieb wird seit Langem dafür kritisiert, sich zu weit von den praktischen Anforderungen des Berufsstandes entfernt zu haben; vielleicht wäre es zutreffender, den Vorwurf umzukehren und ihn gegen einen Berufsstand zu richten, der kein Interesse mehr daran hat, sich selbst zu hinterfragen).

Es herrscht also Nostalgie; und damit geht der Verdacht einher, dass jene Zeit nie ganz so war, wie wir sie uns vorstellen – ganz ähnlich wie das Berlin in Wolfgang Beckers Film, das gerade aufgrund seiner Romantisierung so bewegt: «Die DDR, die ich für meine Mutter schuf, wurde immer mehr die DDR, die ich mir vielleicht gewünscht hätte.»8 Das bedeutet jedoch nicht, dass eine solche Zeit nicht in der einen oder anderen Form existiert hätte, genauso wie viele andere Dinge, die die Nostalgie gerne vergisst. Es geht nicht darum festzustellen, wie schön die Vergangenheit war (was sie nicht war: Das gilt naturgemäss für jede Form von Diktatur, aber auch für die Architekturkultur des 20. Jahrhunderts, die westzentriert, stark männlich geprägt und noch elitärer war als heute). Der Punkt ist: Ob schön oder hässlich, real oder imaginär, romantisiert oder verdrängt – etwas, das dem ähnelt, was wir uns vorstellen, existiert nicht mehr.

Zweifellos gibt es auch heute noch einflussreiche Theoretikerinnen, ebenso wie es Entwerfende gibt, die schreiben, Zeitschriften und Autoren im Allgemeinen (vielleicht gab es noch nie zuvor so viele von uns, was genau die Kehrseite der Medaille ist: ein Anstieg in der Produktion, der umgekehrt proportional zu unserer Möglichkeit ist, etwas zu bewirken). Aber der vorherrschende Eindruck ist, dass wir uns von einer Welt, in der Architekturkultur als Wert anerkannt wurde, zu etwas ganz anderem hin entwickelt haben. Da sind zum einen starre akademische Konventionen; und zum anderen herrscht eine zunehmend individualistische Kultur. (Wer liest eigentlich all diese Artikel und Zeitschriftenausgaben?) Es gab eine Zeit, in der in Zeitschriften über Theorie und Design debattiert wurde; heute scrollen wir durch Reels auf TikTok und Instagram.

Manche werden natürlich einwenden, dass dies lediglich ein weiterer Anfall von Nostalgie ist, die Idealisierung einer Welt, die als solche nie existiert hat. Man denke nur an die Printkultur, die Debatten entfachte, aber auch entschied, wer veröffentlicht werden durfte und wer nicht, und dabei sowohl redaktionell als auch als Gatekeeper fungierte. Denn klar ist: Einige – wenige – Reels sind tatsächlich gut. Also, ja, zugegebenermassen: Es ist eine Form von Nostalgie. Doch der Unterschied zwischen einer Welt, in der Kultur ein materielles Gut war, das die sozialen Verhältnisse zu verbessern vermochte, und einer Welt, in der wir gezwungen sind, unaufhörlich zu performen, ist offensichtlich: Anstatt Wissen zu produzieren und kritisch zu hinterfragen, müssen wir Bilder von uns selbst produzieren, auf der Jagd nach dem nächsten befristeten Vertrag in unserer sogenannten Karriere – «sogenannt», weil sich fast niemand eine Altersvorsorge leisten kann.

Vielleicht bringt ein Fakt all das auf den Punkt: 1967 organisierte Oswald Mathias Ungers in Berlin eine Konferenz, die nach dem Stand der Architekturtheorie fragte. 1999 wurde sie wiederholt. In diesem Jahr, 2026, wurde feierlich an die Konferenz erinnert (und das musste jetzt geschehen, denn 2027 wird der Lehrstuhl, der die Veranstaltung hätte ausrichten können, nicht mehr existieren). Zwischen der ursprünglichen Konferenz und ihrer Gedenkveranstaltung liegen fast sechs Jahrzehnte. Ungers’ Frage blieb offen, doch anstatt Raum für neue Antworten zu schaffen, wurde beschlossen, dies auszuschliessen. Das wirft eine unvermeidliche Frage auf: Was ist eigentlich passiert?

3.

Ende der 1970er Jahre beschrieb Jean-François Lyotard in seinem viel zitierten, aber wenig gelesenen Werk Das postmoderne Wissen einen Übergang von einer Form des Wissens – die durch das legitimiert wurde, was er bekanntlich als grands récits (grosse emanzipatorische Erzählungen) bezeichnete – hin zu zwei anderen Formen: einerseits das, was er als postmoderne Wissenschaft, als spekulativ und paralogisch bezeichnete (das heisst, eine deduktive Wissenschaft, die mit Relativitätstheorien, Quantenphysik und Komplexitätstheorien einhergeht); andererseits eine Form des Wissens, die er als performativistisch definierte, deren «Legitimation […] die Optimierung der Leistungen des Systems, seine Effizienz [wäre]»9 – das heisst eine Form des Wissens, die sich durch messbare Ergebnisse legitimiert, ähnlich wie die Leistung einer Maschine.

Im Laufe der Jahre hat diese zweite Option immer mehr an Bedeutung gewonnen, bis zu dem Punkt, an dem sich Lyotards Diagnose in die Erkenntnis verwandelte, dass wir mit einem chronischen Zustand leben, der von wiederkehrenden akuten Schüben geprägt ist: eine Kultur, die zunehmend das Interesse an ihren eigenen Beweggründen verliert und offenbar nur noch folgende Fragen stellt: «Wozu dient das?», «Was stelle ich her?», «Was gewinnen wir dadurch?»

Wenn eine Fakultät beschliesst, sich von der Theorie zu verabschieden, offenbart sie damit ihre aktive Rolle in diesem Geschehen, ganz gleich, wie praktisch oder situationsbedingt die angeführten Gründe auch sein mögen (möglicherweise ist auch gerade dies das offensichtlichste Symptom). Im Zeitalter des Performativismus liefert die Theorie keine quantifizierbaren Ergebnisse. Sie bringt weder neue Patente hervor noch industrielle Fördermittel ein. Ihre Ergebnisse lassen sich nicht anhand positivistischer oder performativer Kriterien beurteilen – jene Art Massstäbe, die selbst universitäre Institutionen zunehmend ansetzen, sind sie doch offenbar immer weniger bereit, in Grundlagenforschung zu investieren.

In einer Universität, die sich auf eine performative Maschinerie (mit ihren Rankingsystemen und Wirkungskennzahlen) reduziert, ist die Theorie buchstäblich nicht leistungsfähig. Und was keine Leistung erbringt, wird eliminiert: «Die Forschungssektoren, die nicht, und sei es auch nur indirekt, ihren Beitrag zur Optimierung der Leistungen des Systems geltend machen können, sind vom Geldfluss ausgeschlossen und der Vergreisung geweiht.»10 Dieses System bedarf lediglich dessen, was Isabelle Stengers ihrerseits als fast science bezeichnet hat: eine Wissenschaft, die bevölkert ist von «zahlreiche[n] fleißige[n] Wissenschaftler[n …], die Fakten in einem Tempo liefern, das durch immer ausgefeiltere Messgeräte ermöglicht wird», doch die Art und Weise, wie diese Fakten gewonnen und interpretiert werden, «wird lediglich die bestehende Interessenlandschaft bestätigen.»11 Ziele zu verfolgen, Methoden zu befolgen, vordefinierte Kennzahlen zu erfüllen, lautet ihr Mantra.

All dies setzt für uns eine Auffassung von Architektur als blosser Dienstleistung voraus, so als bestünde ihre einzige Aufgabe darin, Volumen einzupassen; eine Architektur also, die selbst performativ ist, definiert durch die Ausführung von Aufgaben und die pragmatische Antwort auf Fragen, die andere bereits formuliert haben; eine Architektur, die schlicht keiner Theorie bedarf und sich mit Vergnügen in den Dienst der Immobilienwirtschaft stellt.

Da stehen wir nun also: Architektur wird zunehmend nach rein technischen Kriterien beurteilt (und schon die Tatsache, dass viele Universitäten seit Langem ausschliesslich in diese Richtung tendierende Forschung finanzieren, ist ein beredtes Zeichen für die langwährende Geschichte, die Jahr für Jahr den Boden für die Abschaffung der Theorie bereitet hat). Unter diesem Legitimationsregime gilt ein Projekt insofern als richtig, wenn es sich innerhalb des aktuellen technischen und wirtschaftlichen Systems als leistungsfähig erweist; und da die «Realität», die einzig denkbare Welt, dem Projekt seinen Handlungsrahmen vorgibt, muss sich die Architektur daran halten. Die Architektur sollte sprichwörtlich lediglich danach streben, «päpstlicher als der Papst» zu sein: banalster Realismus.

4.

Good Bye, theory! Der schonungsloste Realismus braucht dich nicht. Das Kapital braucht dich nicht. Es gibt keinen Grund, sich zu hinterfragen. Oder zumindest möchten manche das gerne glauben, denn eines ist und bleibt Tatsache: Ob es ihnen gefällt oder nicht, die Theorie ist eine der konstitutiven Eigenschaften der Architektur. So sagte Gleiter 2008: «Architekturtheorie ist das Medium der Reflexion über das Gemachtsein sowie Gemachtwerden der Architektur und über ihre kulturelle Funktion im dynamisch sich verändernden kulturellen Kräftefeld.»12 Medium der Reflexion: Die Theorie ist eine Anamnese der Architektur; oder, so könnte man hinzufügen: ein Medium der Selbstreflexion der Architektur. Sie ermöglicht einem Gebäude, einem Projekt, einer Zeichnung oder einem Modell, eine Weltanschauung zum Ausdruck zu bringen, eine bestimmte Art der Raumgestaltung anstelle einer anderen hervorzubringen – eine, die gewisse gesellschaftliche und politische Konzepte widerspiegelt, wenn nicht gar eine ganze Kosmologie. In diesem Sinne ist die Theorie deckungsgleich mit der Architektur. Ein Theorie-Lehrstuhl ist jener Ort, an dem all dies sichtbar, analysiert, untersucht und kritisch hinterfragt wird. Die Abschaffung dieses Lehrstuhls schafft nicht die Theorie ab. Sie schafft das Bewusstsein für deren Präsenz ab, was vielleicht sogar noch schlimmer ist, weil sie damit Studierenden, Forschern und Architektinnen gleichermassen jenen Raum entzieht, der dem Hinterfragen gewidmet ist.

Dies ist umso gravierender, als die Theorie nichts anderes ist als das Mittel, mit dem sich die Architektur als Projekt artikuliert hat – in Beziehung zu den sich ständig wandelnden Art und Weisen, wie eine Gesellschaft ihre Formen, Materialien, Symbole und Räume organisiert. So heisst es im Leitbild des Instituts unter Berufung auf Kant: «Was heißt: sich im Denken orientieren?»13 Die Theorie ist oder war der Kompass des Projekts, das Instrument, das verhindert, dass der Entwurf in die blosse Ausführung abgleitet. Oder besser gesagt: Das war zumindest so, seit Vitruv erklärte, der Architekt müsse ein gebildeter Mensch sein (eine Aussage, die so alt ist, dass man hätte erwarten können, sie sei unumstritten). Aus diesem Grund ist es nicht nur offensichtlich falsch, Fachbereiche für Theorie und Geschichte zu schliessen, sondern auch verblüffend (in dem Sinne, dass es uns fassungslos und orientierungslos zurücklässt), denn gerade Geschichte und Theorie ermöglichen es, die Realität, in der wir leben, neu zu denken. Die Geschichte ermöglicht es, eine Genealogie der Gegenwart zu erstellen; die Theorie ermöglicht es, sich eine andere Welt vorzustellen und Kritik zu üben. Sie bilden die Grundlage eines jeden Projekts, das mehr sein will als eine Dienstleistung oder eine Frage des «Handwerks».

Selbstverständlich bedarf es auch eines Mindestmasses an Selbstkritik. Diejenigen unter uns, die sich mit ihr auseinandergesetzt haben, wissen ganz genau, dass die Theorie oft genau jener Logik des Performativismus erlegen ist, die sie oft zu kritisieren vorgibt (ebenso wie es wichtig ist zu betonen, dass Performativismus nicht mit Technik – oder, genauer gesagt, mit Technologie – verwechselt werden sollte, die in vielen Fällen ein genuin kritisches und spekulatives Forschungsfeld darstellt). Wir alle waren Zeugen – und in gewisser Weise auch Mitwirkende – der zunehmenden Verbreitung von Artikeln, die in jener eigentümlichen Fachsprache des Peer-Reviews verfasst sind; und wir haben die Wiederholung «tautologischer Maximen der zeitgenössischen Kultur»14 beobachtet, um Anna Kornbluhs Worte zu verwenden (und zu verraten): Die akademische Wiederholung ausgedienter Kategorien, um den Anforderungen institutioneller Evaluation gerecht zu werden, entspricht genau jener Rolle, welche eine Architektur ohne Theorie innerhalb des Systems des Immobilienmarkts einnimmt. Wir haben auch gesehen, wie leicht sich genau jene von Lyotard so hochgeschätzte Paralogie («die Fähigkeit, die Spielregeln zu ändern»15), in ihr Gegenteil verwandelte. In seinen Händen war dies ein recht beunruhigendes Unterfangen. Er und andere konnten mit der Sprache spielen, weil sie verstanden hatten, was die Sprache tut, bevor sie in sie eingriffen. Manche können Begriffe prägen, weil sie die Bereiche, in denen sich diese Begriffe bewähren müssen, überblicken und verfremden. «Der Sinn», so bekräftige Jean-Luc Nancy, «liegt vor uns wie eine Nacht, in die wir mit weit geöffneten Augen eintreten müssen.»16 Doch selbst die Nacht wird uns vertrauter, wenn wir oft genug oder zu schnell in sie eintreten; und was als Streifzug in der Dunkelheit beginnt, wird zu einer Reise durch die Welt der Neonreklamen. Paralogie gerät leicht zur Produktion einer modischen Ausdrucksweise, die selbst performativer Art ist – und zwar genau auf jene Weise, die einige ihrer Praktizierenden am wenigsten wahrhaben wollen: eine Form der Kritikalität, die aufgrund ihrer immunisierenden Kraft geschätzt wird.

Die Theorie wurde, kurz gesagt, ab und an als eine Sprache genutzt, die nur sich selbst Rechenschaft schuldig ist: mehr beschäftigt mit dem Open-Access-Status eines Artikels als damit, ob dieser Artikel auch eine Idee enthält; mehr auf eine Reproduktion der intellektuellen Mode des Augenblicks bedacht als auf grundlegende Höflichkeit im Dialog oder das Grundbedürfnis nach einer Debatte. Auch sie hat performativistische Wendungen durchlaufen – mit dem einzigen Unterschied, dass es ihr nie ganz gelungen ist, auf Augenhöhe mit jenen in Konkurrenz zu treten, die Produkte verkaufen.

Und doch schmälert nichts davon, was die Theorie leisten kann (niemals leisten sollte) – und genau das tut sie im besten Fall: Sie schafft einen kritischen und spekulativen Raum zwischen uns und den Dingen. Sie eröffnet einen Raum des Denkens, stellt eine kritische Distanz her, ohne die die Dinge als unveränderliche Gegebenheiten erscheinen und wir uns selbst als blosse Ausführende wahrnehmen. Die spekulative und kritische Kraft der Theorie ist kein akademischer Luxus, der im Namen von Haushaltskürzungen geopfert werden darf. Sie ist die elementarste Form des Widerstands gegen die blinden Flecken der Gegenwart. Sie ermöglicht es, dass die «Welt […] uns vielmehr noch einmal ‚unendlich‘» wird,17 wie Friedrich Nietzsche es formulierte: die Realität als kritischer Raum, der Interpretationen und Spekulationen zulässt.

Um es in Begrifflichkeiten auszudrücken, die denjenigen, die Haushaltskürzungen vornehmen, geläufiger sind: Bevor die Realität optimiert wird, bevor das, was wir tun, effizienter gemacht wird, könnte es sich lohnen, innezuhalten und zu fragen, was wir eigentlich tun und warum. Wir könnten die Zwecke und Logiken hinterfragen, die im Voraus festlegen, was möglich ist und was unmöglich erscheint. Die Theorie ist (und war schon immer) das Mittel der Wahl. Sie ermöglicht es uns zu verstehen, dass es vielleicht einen anderen Weg gegeben hätte, eine andere Wahl; und dass, wenn eine Wahl getroffen wurde, auch eine andere hätte getroffen werden können. Wenn eine Universität einen Fachbereich für Theorie schliesst, schliesst sie damit keinen unproduktiven Bereich, was auch immer «unproduktiv» bedeuten mag. Sie offenbart damit, dass sie ihre Orientierung verloren hat, dass sie die Fähigkeit verloren hat, sich einen Kompass vorzustellen. Sie weiss, was sie tut; vielleicht macht sie es sogar gut, aber sie vermag nicht mehr darüber nachzudenken, wohin sie auch hätte gehen können – was dasselbe ist wie die Unfähigkeit zu fragen, wohin sie gehen könnte.

5.

Good bye, theory? Wenn wir den Weg des Performativismus weitergehen (und es gibt keine Anzeichen für einen Kurswechsel), muss die Antwort Ja lauten: Hier wird ein Fachbereich geschlossen, dort ein Lehrstuhl nicht neu besetzt, an der einen Universität werden Mittel gekürzt und an der anderen Verträge gekündigt. Die Theorie schrumpft immer weiter und verliert an Boden in Bezug auf die institutionelle Repräsentation der Architektur. Es scheint keinen Silberstreif am Horizont zu geben, es sei denn, man zählt auf den sprichwörtlichen Wiederaufbau, der meist auf eine Zerstörung folgt.

Bestenfalls bleibt uns ein schwacher Trost: Selbst im Falle eines endgültigen Triumphs des schonungslosen Realismus wird die Theorie fortbestehen. So viel ist sicher: Solange es Menschen gibt, denen es nicht ausreicht, bloss zu wissen, wie und was man baut, und die ergründen wollen, warum oder was es sonst noch gibt, wird weiterhin irgendeine Form von Architekturtheorie existieren. Der Impuls ist älter als die Disziplin, und er wird die Disziplin überleben, wenn es sein muss.

Eine Frage bleibt jedoch: Wie kann etwas ohne institutionellen Rahmen existieren? Wie kann eine Disziplin überleben, ohne einen Ort, an dem sie gelehrt wird, ohne ein Publikum? Das ist schwer zu sagen. Es mag durchaus sein, dass die Theorie als eigenständige Disziplin einfach verschwinden wird (schliesslich ist sie eine relativ junge Erfindung und existiert nicht überall).18 Es mag sein, dass eine Krise nach der anderen alle Ressourcen verschlingen wird, die den Geisteswissenschaften und den Künsten zugewiesen sind.

Vielleicht wird die Theorie andere Formen annehmen; und genau das geschieht bereits: in der Arbeit von Kollektiven, in Ausstellungen, Archiven, in neuen Kommunikationsformen, in künstlerischen Praktiken und in Formaten, die Fakultätsräte nur schwer einordnen können – was vielleicht bereits ein Zeichen ihrer Lebendigkeit ist. Vielleicht wird sie nicht einmal mehr Theorie genannt werden; sie wird neue Namen und neue Formen finden müssen, wie schon früher, auch wenn sie weiterhin dem Zweck dient, einen Abstand zwischen uns und dem, was wir tun, herzustellen, damit wir es aus einem anderen Blickwinkel betrachten können. So viel zumindest kann die Theorie für sich selbst tun, mit uns machen – unabhängig von allem ausser der Bereitschaft zum Denken. Ob das ausreichen wird, ist eine andere Frage; eine, die nur die Zukunft beantworten wird. Eine Prognose würde einen Blickwinkel erfordern, den wir nicht einnehmen können. Wir stehen hier, vor einer sich schliessenden Tür, die vielleicht wieder geöffnet wird oder auch nicht. Wir entbehren jeglicher Gewissheit, während wir mitansehen müssen, wie die Zahl der Lehrstühle und Verträge schwindet. Nun denn, mit jener Mischung aus Nostalgie und Zuversicht, die dieser Anlass verlangt, bleibt ein letztes Mal zu sagen: Liebe Theorie, goodbye!

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22.3.2024Tibor Joanelly

Folge der Leiter!

In seinen Überlegungen zu Kazuo Shinohara begegnet Tibor Joanelly neben Paul Cézanne auch der Dritten Person im Werk des japanischen Meisters. lesen
24/03
Folge der Leiter! I
Artikel 24/02
23.2.2024Dieter Geissbühler

Absehbare Vergänglichkeit

Hinter der Fassade der Mall of Switzerland wittert Dieter Geissbühler die Ästhetik der Ruine. Diese erstickt jedoch in gestalterischer Belanglosigkeit. lesen
24/02
Absehbare Vergänglichkeit
Artikel 24/01
18.1.2024Ana Catarina Silva

Housing. Not flats

Architect Philipp Esch spoke to Ana Catarina Silva about undetermined spaces, architecture as a process and beauty as the most enduring measure of sustainability. lesen
24/01
Housing. Not flats
Artikel 23/11
14.12.2023Jorge Melguizo

Medellín

Once the most dangerous city in the world, Medellín became a model for urban change. Its architecture is the image of what is even more important. lesen
23/11
Medellín
Artikel 23/10
27.10.2023Savatore Dellaria

The Southgate Myth

Built and demolished within less than thirty years, Stirling's Southgate Estate stands for what it was planned for and against which it had to fail: Britain's neoliberalism. lesen
23/10
The Southgate Myth
Artikel 23/09
26.9.2023Randa A. Mahmoud

Lost in Gourna

Hassan Fathy was brilliant and visionary, but an early project was strongly rejected by its residents. Randa A. Mahmoud studied Gourna to get behind the paradox of Egypt's Great Architect. lesen
23/09
Lost in Gourna
Artikel 23/08
29.8.2023Grisi Ganzer

Pandoras Boxen

Grisi Ganzers Erlebnisbericht über die Kollaboration im Deutschen Pavillon der Architekturbiennale schildert Eindrücke und Erfahrungen rund um den Bau einer Bar für das Kulturzentrum Pandora. lesen
23/08
Pandoras Boxen
Artikel 23/07
27.7.2023Bart Lootsma

Diffusionen

Textbasiert generiert KI realitische Bilder mit diffusem Urspung. Unperfekt und ergebnisoffen irritieren diese unser ästhetisches Empfinden und verändern die gesamte visuelle Kultur. lesen
23/07
Diffusionen
Artikel 23/06
28.6.2023Denis Andernach

Andernach's Häuser

Frei von Zwängen zeichnet Denis Andernach seine Häuser als pure Architekturen in menschenleere Landschaften. Elementare Formen vereint er dabei mit erdachten Nutzungen. lesen
23/06
Andernach's Häuser
Artikel 23/05
24.5.2023Pedro Gadanho

Learning from Hippie Modernism

An environmental avant-garde grew out of the resistance against the post-war society of the late 1960s. While their efforts were derided as esoteric, time has come to learn from their approaches. lesen
23/05
Hippie Modernism
Artikel 23/04
27.4.2023Giacomo Pala

Pineapple Modernity

The intersection of globalization and modernity: the pineapple and the emergence of a new architectural paradigm since the 18th century. lesen
23/04
Pineapple Modernity
Artikel 23/03
29.3.2023Claudia Kromrei

Case come noi

Eine Insel, drei Schriftsteller und drei Häuser, in denen sie lebten, liebten und arbeiteten. In Capris Idylle entfalten die Bauten die Persönlichkeit ihrer Erbauer und inszenieren deren Selbstverliebtheit. … lesen
23/03
Case come noi
Artikel 23/02
23.2.2023Bahar Avanoğlu

[Un]built

Separating "unbuilt" architecture from the one "not built", Raimund Abraham's oeuvre is a vital reminder of architecture as a work of memory and desire and as an independent art of building the [Un]built. lesen
23/02
[Un]built
Artikel 23/01
18.1.2023Wolfgang Bachmann

Neuland

Eine Exkursion in eine unbekannte Gegend: In seinem Reisebericht über die Lausitz erzählt Wolfgang Bachmann von Kulissen der DDR, ihrer westlastigen Aufarbeitung - und barocker Prächtigkeit. lesen
23/01
Neuland
Artikel 22/07
23.11.2022Bettina Köhler

Liebe du Arsch!

Kann man Häuser wegwerfen? Kann man Ignoranz, Gier und Resignation überwinden? Hilft Liebe? Bettina Köhler bejaht diese Fragen und spürt der Schönheit als Hüterin der Dauerhaftigkeit nach. lesen
22/07
Liebe du Arsch!
Artikel 22/06
19.10.2022Fala

Fala meets Siza

Fala and Álvaro Siza are bound by origins but separated by age. In a personal encounter, the 89-year-old Pritzker Prize winner talks about that which is still reflected in Fala's own work today. lesen
22/06
Fala meets Siza
Artikel 22/05
22.9.2022Anna Beeke

Trailer Treasures

Within mobile home parks, Anna Beeke encounters a clear desire for individualized place. In her photographs she shows how prefabricated units are the same, but different. lesen
22/05
Trailer Treasures
Artikel 22/04
20.8.2022Mario Rinke

Offene Meta-Landschaften

Mario Rinke plädiert für Tragwerke, die nicht für eine Nutzung, sondern aus dem Ort heraus erdacht werden. In diesen Meta-Landschaften können sich Architekturen episodenhaft ereignen. lesen
22/04
Offene Meta-Landschaften
Artikel 22/03
1.7.2022Virginia de Diego
caption

Reductio ad absurdum

Through deliberate destruction a former bunker can be preserved. Its relevance is created out ouf its absurdity. lesen
22/03
Reductio ad absurdum
Artikel 22/02
1.7.2022Jerome BeckerMatthias Moroder

The balance of chaos and structure

In conversation with Jerome Becker and Matthias Moroder, Marc Leschelier emphasises his aversion to functionalism and stresses the importance of architecture as a form of expression. lesen
22/02
Chaos and Structure
Artikel 22/01
1.7.2022Gerrit Confurius
Teatro di Marcello, Rom, Giovanni Battista Piranesi (1720-1778), ca. 1757

Permanenz als Prinzip

Gerrit Confurius erinnert sich an das Ende der gedruckten Ausgabe von Daidalos und empfiehlt das Prinzip der Permanenz als Strategie auch für die zukünftigen Aufgaben der Architektur. lesen
22/01
Permanenz als Prinzip