Riviera moderna

Im Boom der Nachkriegsjahre entstand in Arenzano an der ligurischen Küste eine Feriensiedlung, in der die Natur nicht als Kulisse dient, sondern Ort und Architektur bestimmt. Zwischen Pinien und Meer schufen u.a. Gio Ponti, Ignazio Gardella, Luigi Caccia Dominioni Häuser, mit denen die letzten Dogmen der Moderne überwunden wurden – und deren ortsbezogene Gelassenheit nicht ohne Einfluss auf die letzte Zusammenkunft des CIAM blieb.

1 Italo Calvino: Der Baron auf den Bäumen (Il barone rampante), 1957.

2 Heinrich Heine: Reise von München nach Genua, in: Reisebilder, 1828.

3 Ebd.

4 Anfang der 1950er Jahre bestimmt die Marquise mangels eigener Nachkommen ihre Nichte Carlotta Giustiniani zur Erbin ihres Vermögens. Carlotta ist mit dem Marchese Stefano Maurizio Cattaneo Adorno verheiratet, dessen Familie unter anderem Eigentümerin des Grand Hotels Arenzano ist.

5 Die Cemadis Hospitality gibt es bis heute; sie wird von Nachfahren der Cattaneo Adornos geleitet und verwaltet neben dem Grand Hotel Arenzano und dem Punta San Martino weitere Hotels und Appartments in Arenzano und Genua.

6 Magistretti soll den Platz ursprünglich als zum Meer offen konzipiert haben, folgt aber dem (wenig plausiblen) Einwand, durch eine Drehung hätten mehr Wohnungen einen Meeresblick.

7 Auch Ernesto Nathan Rogers realisiert in den Pineta mit seinem Büropartner Ludovico Barbiano di Belgiojoso ein Haus; 1961 für die Bauherrin Lidia Brambilla Longono. Das Haus ist allerdings kaum publiziert.

«Oberhalb der Oliven begann der Wald. Wahrscheinlich hatten die Pinien früher die ganze Küste beherrscht, denn sie zogen sich noch in Streifen und Gruppen die Hänge entlang, bis hinunter zum Meeresstrand, und das gleiche galt von den Lärchen. Die Steineichen waren zahlreicher und standen dichter, als man es heute sehen kann, denn sie waren das erste und begehrteste Opfer der Äxte. Weiter oben wichen die Pinien den Kastanien, der Wald überkletterte den Bergkamm, und seine Grenzen waren nicht auszumachen. Das war der Lebenssaft, der uns umgab, in dem wir gediehen, wir Bewohner Ombrosas, fast ohne etwas davon zu bemerken.»

Wann war früher?

«Wahrscheinlich hatten die Pinien früher die ganze Küste beherrscht.»1 Italo Calvino (1923-1985) erzählt die Geschichte von Cosimo Piovasco di Rondò, der im Alter von zwölf Jahren entscheidet, auf den Bäumen zu leben und tatsächlich den Fuss nie mehr auf den Boden setzt, Mitte des 20. Jahrhunderts. Er siedelt sie aber im 18. Jahrhundert an und erkennt die Veränderung zu «früher» am Beginn des 19. Jahrhunderts, am Ende des Lebens des Protagonisten und seines Bruders, der der Erzähler ist: «Der Himmel ist leer, und uns alten Ombrosanern, die wir gewohnt waren, unter jenen grünen Kuppeln zu leben, schmerzten die Augen bei seinem Anblick. Fast scheint es, als hätten die Bäume nicht standhalten können, nachdem mein Bruder sie verlassen hatte, oder als wären die Menschen von der Raserei der Äxte befallen worden.»

Die ligurische Küste mit dem schattigen Ombrosa und dem exotisch bepflanzten Ondariva in Calvinos Erzählung sei im 18. Jahrhundert so dicht bewaldet gewesen, dass man die gesamte Region auf Bäumen durchqueren konnte, ohne jemals den Boden zu berühren. Aber wenn am Ende des Romans, im beginnenden 19. Jahrhundert, der Ich-Erzähler, Cosimos Bruder Biagio, auf die kahle Landschaft blickt, die Bäume abgeholzt, der Himmel leer, beschreibt Italo Calvino den Zustand, der sich in seiner eigenen Gegenwart einstellt.

Denn tatsächlich fand die Zerstörung der Natur im Mittelmeerraum nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs statt – und da bedeutete das Abholzen der Bäume aus materieller Not nur einen kurzfristigen Schaden. Mit dem Wirtschaftswachstum, dem miracolo economico, nach kriegs- und nachkriegsbedingter Enthaltsamkeit, durch neue Sozialgesetze und die allgemeine Verfügbarkeit von Flugzeugen und Automobilen kommt es erstmals zum Phänomen des Massentourismus. Durch den folgenden Bauboom entstehen insbesondere an den Küstenorte und Stränden des Mittelmeers Feriendomizile und Bettenburgen von enormen Dimensionen und grösster Banalität und in einer monotonen, den Ort ignorierenden Form, die ganze Landschaften und Küsten entstellt. Als Italo Calvinos Roman über den fiktiven Ort Ombrosa an der Küste Liguriens erscheint – 1957, in der Hochphase des Reisens – entsteht an dieser Küste, westlich von Genua, indessen eine grosse Ausnahme im Spektrum der «Ferien-Architektur»: die Pineta di Arenzano auf der Punta San Martino.

Marquise Giustiniani Negrotto Cambasio

In Arenzano an der Küste der Riviera di Ponente kommen die Gebirgszüge des Ligurischen Apennins bis auf eine Distanz von nur wenigen Kilometern an die Küste heran. Heinrich Heine beschreibt in seinen 1828 veröffentlichten Reisebildern die «erhabene Aussicht, wenn man von den Höhen des Appenin herabsteigt und tief unten das blaue Meer erblickt, das sich unendlich weit ausdehnt, während die Berge wie Riesen ins Wasser treten.»2

Der Ort Arenzano, an dem «die Berge «wie Riesen ins Wasser treten»3 ist bis ins 19. Jahrhundert hinein von Fischerei und Landwirtschaft geprägt, es gibt Schiffbau, etwas Industrie, ein wenig Tourismus und knapp 4'000 Einwohnerinnen und Einwohner. Spätestens mit der Fertigstellung der Eisenbahnlinie von Genua über Arenzano nach Ventimiglia im Jahr 1872 nimmt die Bedeutung des Tourismus für den Ort deutlich zu. Meer, Sonne und gute Luft machen die ligurische Küste für immer mehr Gesundheits- und Erholungssuchende aus Genua, Mailand und ganz Europa zu einem reizvollen Reiseziel. Und wer nicht in privaten Villen wohnt, wird seit 1913 im Grand Hotel Arenzano der Familie Cattaneo Adorno Giustiniani beherbergt. Der stattliche, fast hundert Meter lange viergeschossige Bau mit drei turmartigen Überhöhungen dominiert die Küstenstrasse mit der Strandpromenade, an der damals noch die ferrovia litoranea den Ort vom Meer trennt. Erst 1968 wird die Eisenbahnstrecke verlegt und verläuft hier seitdem landeinwärts, neben der 1954 fertig gestellten Autobahn.

Das wohl beeindruckendste Gebäude in Arenzano ist aber ein Privathaus – und es ist für diese Erzählung auch deswegen interessant, weil der Impuls für die Entwicklung der Pineta von seiner späteren Eigentümerin kommt: Es ist die im 19. Jahrhundert gebaute und leicht erhöht inmitten einer grossen Parkanlage stehende Villa Negrotto Cambiaso. Mitte des 16. Jahrhunderts erwirbt der Kaufmann Tobia Pallavicino hier einen mittelalterlichen Turm mitsamt eines grossen Grundstücks und lässt sich eine Villa bauen, die ihm – Pallavicino lebt in einem prachtvollen Stadtpalast in den Strade Nouve in Genua – als Sommerresidenz dient. Das umgebende Gelände wird vorwiegend landwirtschaftlich genutzt. Mehr als 300 Jahre später, um das Jahr 1880 herum, lässt die nachfolgende Marquise Luisa Sauli Pallavicino die Villa nach Plänen des Architekten Luigi Rovelli umgestalten und anstelle der Felder einen Park anlegen. Rovelli hat bereits einige Erfahrung im Umbau von Villen und Gärten, sowohl in Arenzano selbst als auch in Genua und Umgebung. Er vergrössert die Anlage und gibt ihr einen palastartigen Charakter, erhöht den Turm und verziert das Gebäude im Geiste des Mittelalters mit Bogenreihen und Zinnen. Die Parkanlage versieht er mit künstlichen Wasserbecken, Bächen, einem Wasserfall und einer teilweise exotischen Bepflanzung – Italo Calvinos Ondariva lässt grüssen.

1925 wird die Marquise Matilde Giustiniani Negrotto Cambiaso Eigentümerin der Villa, des Parks und auch eines etwa 150 Hektar grossen land- und forstwirtschaftlich genutzten Gebiets südlich und südwestlich davon, der Punta San Martino und späteren Pineta di Arenzano. Nach dem Tod ihres zweiten Ehemanns, des Marchese Pierino Negrotto Cambiaso, zwischenzeitlich Bürgermeister von Arenzano und Erbe der Familie Sauli Pallavicino, gehen die Güter an sie über.

Vor dem Hintergrund der konkreten Architektur ihrer unmittelbaren Umgebung – die Marquise lebt in einem neogotisch, also historisierend gestalteten Haus und lässt sich noch in den 1930er Jahren ein Gewächshaus bauen, das wie ein grosser Gartenpavillon aus dem 19. Jahrhundert aussieht – erstaunt die Entscheidung, die sie Mitte der 1950er Jahre zusammen mit Marcello Cattaneo Adorno trifft, dem Sohn ihrer Nichte, Adoptivtochter und Erbin Carlotta:4 für das Gebiet der Punta San Martino beauftragen sie zwei Mailänder Architekten mit dem Entwurf eines Bebauungsplans, von denen sie einen absolut zeitgenössischen Vorschlag erwarten können: Ignazio Gardella und Marco Zanuso.

Pineta di Arenzano

Auf den besagten land- und forstwirtschaftlich genutzten 150 Hektar soll eine Ferienhaussiedlung entstehen, die neben Wohnhäusern auch ein Hotel, einen Dorfplatz mit Geschäften, Sport- und Freizeitanlagen, also eine gewisse funktionale Autonomie erhalten soll. Für das Gebiet gibt es wenig baurechtliche Zwänge oder andere gesetzliche Vorgaben. Dennoch formuliert die Auftraggeberschaft einen hohen Anspruch für die Häuser und die Infrastruktur auf dem privaten Gelände: alles soll in dieser wertvollen Lage umweltschonend eingebunden werden, sich unterordnen, den Wert der Natur bewahren und sie nicht dominieren. Die besondere landschaftliche Lage und die Einbindung der wichtigsten Architekten der Region der Gegenwart sollen eine gewisse Exklusivität gewährleisten und den Tourismus in Arenzano fördern.

Zur Umsetzung dieses Anliegens, insbesondere zur Erschliessung, Parzellierung und Urbanisierung des Geländes wird von den Familien Giustiniani Negrotto Cambiaso und Cattaneo Adorno sowie von Investoren, vor allem dem Mailänder Finanzier und Bauunternehmer Ambrogio Gadola die Gesellschaft Cemadis (Centri Marittimi di Soggiorno)5 gegründet. Gadola wird auch ihr Präsident. Es ist eine offene Frage, warum der Auftrag für den Gesamtplan 1956 an Ignazio Gardella und Marco Zanuso geht, zwei Architekten und Designer, die mit städtebaulichen, ortsbaulichen oder landschaftsplanerischen Aufgaben nicht wirklich vertraut und erfahren sind. Charakteristisch für beide und die Architektengeneration der Nachkriegszeit in Italien insgesamt ist vielmehr ein ganz anderer Massstab: sie arbeiten in der Regel in den Bereichen Architektur, Möbel- und Produktdesign und Innenausstattung und in enger Kooperation mit Möbelherstellern.

Das wichtigste Prinzip des Bebauungsplans ist die klare Zonierung in bestehende geschützte Vegetation und mögliche Bebauungsbereiche. An der Via Aurelia entlang der maximalen Höhenlinie von rund 70 Metern über dem Meeresspiegel wird der Bestand aus Pinienwäldern und Olivenhainen unter Schutz gestellt und es werden Hauptachsen zur Erschliessung festgelegt. Für die zur Bebauung vorgesehenen Bereiche werden Funktionen und Leitlinien formuliert, aber für die Ausführung und Detailierung gestalterische Spielräume gelassen; die konkreten Gebäude und die Wege sollen sich sukzessive entwickeln und am Charakter der Landschaft, der Bodenbeschaffenheit, der Vegetation und dem Panorama orientieren. So sind die Grundstücke mit Meerblick kleinteiliger parzelliert, die entfernteren grosszügiger und stärker in die Landschaft integriert und diejenigen noch weiter oben an der Via Aurelia für grössere Kondominien und dauerhaftes Wohnen vorgesehen.

In der ersten Bauphase ab 1957 wird der östliche, hafennahe Bereich der Pineta baulich entwickelt: Das Hotel Punta San Martino von Ignazio Gardella und Marco Zanuso, der Dorfplatz mit seiner Randbebauung und die ersten Ferienhäuser, darunter eines von Gio Ponti entstehen. 1959 wird auf dem Hochplateau der Golfplatz mit Pool, Tennis- und Reitanlagen eröffnet und 1964 die von Luigi Caccia Dominioni entworfene Kirche. In den 1960er Jahren verlagert sich die bauliche Entwicklung weiter in Richtung Westen, bis zu der sehr grossen Anlage der Marina Grande von Vico Magistretti. Die Gesellschaft Cemadis entwickelt sich zur zentralen Institution der baulichen Entwicklung. Sie richtet eine Baukommission ein, die die Kubatur, die Materialität und die Verträglichkeit der von privaten Bauherren vorgeschlagenen Projekte mit der Landschaft prüft. Gemeinsam mit lokalen Unternehmen ist sie zudem auch ausführende Bauherrin von Häusern, die nach der Fertigstellung verkauft werden. Eine weitere Prüfung findet durch den Denkmalschutz und die Feuerwehr der Gemeinde Arenzano statt. Die Siedlung entsteht also in einem vergleichsweise freien, aber doch kontrollierten Rahmen – eingelöst durch den Landschaftsschutz, die Betreuung der Cemadis und den anfänglich formulierten Anspruch an landschaftliche Integration der Grundstückseigentümer und Auftraggeber, der Familien Giustiniani Negrotto Cambiaso und Cattaneo Adorno.

In den kommenden rund 20 Jahren der Entwicklung bringt diese Form der sanften Regulierung von privater Seite ohne grosse kommunale Einflussnahme dann aber nicht nur Herausragendes hervor – und letztendlich ist auch dies eine Form der touristischen Kolonisierung der Küste, in der ein Landschaftsraum für das Ferien- und Freizeitvergnügens einiger weniger bebaut wird. Als 1976 für die Region ein allgemein gültiger Bebauungsplan verabschiedet wird, ist der Bau der Siedlung bereits abgeschlossen und es sind neben den rund einem Dutzend Häusern von hoher architektonischer Qualität in der Mehrzahl sehr durchschnittliche Gebäude entstanden. Insbesondere ist der Anspruch des Schutzes von Küste, Landschaft und Vegetation nicht überall eingelöst; an der Küste gibt es teilweise starke bauliche Verdichtungen und hier und da befremdliche Gebäudedimensionen. Hierzu zählt auch der von Vico Magistretti entworfene Gebäudekomplex der Marina Grande, dessen Megastruktur mit Blick auf die Grundidee der Pineta wie ein einziger grosser Irrtum erscheint. Magistretti überdacht die am Ufer entlang führende Bahntrasse auf einer Länge von 350 Metern und macht sie zum Sockel einer Terrassenfläche und Promenade enormen Ausmasses weit oberhalb des Strandes. Dahinter türmen sich über einer grossen halboffenen Garage ein U-förmiges Gebäude mit Geschäften und Wohnungen und zwei langgestreckte terrassierte Apartmentflügel auf. Zum Strand hinunter gelangt man von der Plattform der Promenade über einen Aufzug und einige Treppen, die wie Betonskulpturen vor dem Panorama stehen. Nur vier Jahre nach der Fertigstellung wird 1968 die Bahnlinie – der Dreh- und Angelpunkt der Megastruktur – ins Landesinnere verlegt, womit die gebaute Grenze zum Strand absurd wird (auch wenn der Tunnel seitdem als Fuss- und Radweg genutzt wird). Dass das U-förmige Hauptgebäude nicht zum Panorama des Meeres geöffnet ist, sondern nach Norden zum aufsteigenden Hang, macht den entstehenden Platz von Beginn an reizlos.6 So ist die möglicherweise als Höhepunkt gedachte Grossform der Marina Grande in jeder Hinsicht das Gegenmodell zum baulichen Auftakt der Pineta, der Albergo San Martino mit der Marina Piccola: sorgfältig in die Landschaft integriert mit einer nur punktuellen Verbindung zum Strand die eine, die andere als Volumen von unverständlicher Dimension mit einer baulichen Manifestation der Küstenlinie auf grosser Länge.

Auch die anfängliche Idee, Grundstücke zu grösseren Einheiten ohne Mauern und Zäune zusammenzufassen, also die Landschaft durchlässig zu belassen, hat lediglich Luigi Caccia Dominioni bei der Häusergruppe für seine Freunde und Familie umgesetzt, während die meisten Häuser, auch die architektonisch herausragenden, bevorzugt nach innen oder zum Meer hin geöffnet sind, nicht jedoch zum öffentlichen Raum der Strasse. Hier dominiert Isolation, hier bleiben die meisten Häuser hinter Mauern und dichter Vegetation nahezu unsichtbar. Und auch die Beziehung zur eigentlichen Attraktion der Pineta, zum Meer, ist nie direkt. Sie bleibt eine Blickbeziehung; der Zugang ist nur eingeschränkt und punktuell möglich.

Trotz allem: Die besondere architektonische Qualität der Häuser und das Bewahren und Schonen der Landschaft machen die Pineta di Arenzano (bei aller oben erwähnten Kritik) zu einer Ausnahme im Spektrum der Ferien- oder Sommerhausarchitektur. Die Häuser suchen Halt im Gelände, aber beherrschen die Landschaft nicht. Die Topografie des Hangs wird weiterentwickelt zu differenzierten Baukörpern und gestaffelten Raumformen. Es wird nicht nur für die – beim Ferienhaus durchaus übliche – Verbindung von Innen und Aussen nach neuen architektonischen Lösungen gesucht, es wird das Wohnen im Ferienhaus generell neu definiert: die materiellen, farblichen und bildhaften Eigenheiten des Ortes finden Eingang in die architektonische Sprache, Landschaft und Haus harmonieren, der Lebensraum der Familie wird ausgedehnt, das Miteinander in den Mittelpunkt gestellt. Anders als das Wohnhaus in der Stadt ist das Sommerhaus nicht Heimat, nicht Verwurzelung, nicht Fortdauer; hier ist der Aufenthalt vielmehr flüchtig, das Verhältnis von Mensch und Ort saisonal und vorläufig. Die gelungensten Häuser sind Ausdruck dieser besonderen Form dieses Wohnens im Wissen, dass der Aufenthalt befristet ist, dass der Sommer enden wird. In ihrer Anlage, in ihrer Konzentration der Ausblicke, in ihrer Betonung des familiären Miteinanders sind die gelungensten Sommerhäuser der Pineta Instrumente der Wahrnehmung der Natur und Atmosphären-Verstärker für Sonne, Wind, Pinien und Meer.

Was ist modern?

1958, zwei Jahre nach der Genehmigung des Bebauungsplans und noch mitten im Bau wird das Projekt der Pineta di Arenzano in der Zeitschrift Domus, deren Redaktion Gio Ponti leitet, vorgestellt und in den folgenden Jahren mit weiteren Publikationen zu einzelnen Gebäuden gewürdigt. Als 1959 im niederländischen Otterlo der 11. CIAM-Kongress, der Congrès Internationaux d'Architecture Moderne stattfindet, wird hier von der italienischen Delegation auch Vico Magistrettis Casa Arosio in den Pineta di Arenzano vorgestellt. Das kleine Wohnhaus ist auf seine Art ebenso Ausdruck einer neuen Haltung und Bewegung innerhalb der Vereinigung, wie es die gleichzeitig vorgestellten weiteren italienischen Projekte sind: der Torre Velasca in Mailand vom Büro BBPR mit Ernesto Nathan Rogers, ein sozialer Wohnungsbau in Matera von Giancarlo de Carlo und eine Werkskantine für den Schreibmaschinenhersteller Olivetti in Ivrea von Ignazio Gardella.

Die vier Gebäude haben nichts zu tun mit den noch immer hoch gehaltenen architektonischen und städtebaulichen Dogmen der Charta von Athen, die Le Corbusier mit seinen Mitstreitern auf dem 4. CIAM 1933 zum gültigen Prinzip erklärt hatte und auch nichts mit der durch den International Style postulierten Auffassung, Architektur habe regelmässig, modular und frei von nationalen, regionalen, lokalen Ausdrucksformen und von Dekor zu sein. Den vier Gebäuden liegt ein vollkommen anderer Gedanke zugrunde: eine spezifische Ortsbezogenheit, eine Orientierung an lokalen Bauformen, Bauweisen und Materialien, eine Integration in die Gegebenheiten der konkreten Stadt oder der konkreten Landschaft, also eine kritische Revision der Moderne bezogen auf das Verhältnis zu Geschichte, Tradition und Kontext.

Und auch wenn innerhalb des CIAM längst ein Generationenwechsel stattgefunden hat und das Treffen in Otterlo von den jüngeren Mitgliedern des sogenannten Team X organisiert wird, bleibt die Debatte von Dogmen geprägt. Die Projekte der italienischen Architekten werden nicht nur kontrovers diskutiert, sondern auch – Toleranz gegenüber anderen Konzepten, Ideen und Haltungen scheint nach wie vor keine Tugend, sondern eine intellektuelle Schwäche zu sein – harsch kritisiert. Alison und Peter Smithson, Aldo van Eyck, Georges Candilis und anderen sind die Entwürfe nicht radikal und nicht modern genug. Sie seien formalistisch, historisierend, neorationalistisch, neorealistisch und rückwärtsgewandt. Radikal modern hiesse: strukturalistisch konzipiert und in der standardisierten industriellen Rasterbauweise der Gegenwart realisiert. Unabhängig von der Kritik an den Entwürfen der italienischen Architekten und wohl eher im Bewusstsein, dass es eine einheitliche Stossrichtung in der Architektur nicht mehr geben wird, bedeutet das Treffen in Otterlo 1959 für den CIAM sein Ende. Es finden keine weiteren Versammlungen der Vereinigung statt.

Ernesto Nathan Rogers aber ist für die Rezeption der Pineta di Arenzano eine wichtige Figur. Er liefert mit seinem 1955 veröffentlichten Aufsatz Le preesistenze ambientali e i temi pratici contemporanei so etwas wie ihr architekturtheoretisches Fundament und bezeugt mit seinem Engagement für die Casa Arosio auf dem CIAM und in der Casabella-Continuità, dass er in ihr eine überzeugende architektonische Übertragung und bauliche Manifestation seiner Theorie sieht. Für Rogers sind die preesistenze ambientali, die Vorbedingungen eines Ortes, die landschaftlichen und baulichen, der Schlüssel für das Neue. Das Neue ist eine im Einzelfall immer wieder zu verhandelnde Antwort auf den Ort und seine Geschichte – caso per caso. Es wird zum bestehenden Kontext als Kontinuität entwickelt, nicht als Bruch und es ist eine spezifische Antwort, die keinem abstrakten universellen Formkanon folgt.7


Der Auftakt für die Bebauung der Pineta di Arenzano ist das von Ignazio Gardella und Marco Zanuso entworfene Hotel an der Spitze des Capo San Martino. Von hier oben aus kann man über die Distanz von 27 Kilometern übers Meer hinweg an Arenzano vorbei bis zum Hafen von Genua sehen. Schon im Zweiten Weltkrieg hatte das strategisch günstige Vorgebirge als militärischer Stützpunkt für Küstenkanonen gedient und die verbliebenen Reste dieser Anlagen werden von den Architekten in den Sockel und den Schwimmbadbereich des Hotels integriert.

Die Albergo Punta San Martino mit anfänglich etwa 15 Zimmern, Restaurant, Bar, zwei Schwimmbecken und grossen Terrassen fügt sich trotz ihrer Grösse sehr harmonisch in die Landschaft ein. Aus der Nähe wirken die neben- und übereinander geschobenen Baukörper, aus denen sie gebildet wird, wie ein Dorf, aus der Distanz erscheint sie durch die zinnenartig ausgebildeten Brüstungen der Dachterrassen wie ein modernes Kastell. Diese Silhouette könnte der Auftraggeberin, der Marquise Matilde Giustiniani Negrotto Cambiaso gefallen haben, die aus ihrer neogotisch mit Zinnen bekrönten Villa heraus das Capo San Martino im Blick hat. Anders als bei ihr hat das vernakuläre Element hier aber eine abstrakte einfache Form und eine neue Funktion: der Wechsel von massiven Brüstungspartien und breiten Fugen macht den Blick von der Terrasse in die Landschaft zu einem Fensterblick.

Die Ebenen des Hotels sind, bedingt durch die Topografie, differenziert und nicht klar voneinander abzugrenzen. Im unteren Bereich befinden sich fächerartig in vier Raumgruppen die Schlafzimmer, die alle in die Landschaft weisen und mit eigenen Loggien oder Terrassen ausgestattet sind. Der Eingang mit dem Empfangsbereich und einem Restaurant befinden sich darüber und ganz oben, wo das Restaurant eine zweite Ebene hat, liegt die in mehrere Ebenen und Bereiche gegliederte Terrasse mit einem 30 Meter- und einem runden Schwimmbecken, einem Nachtclub, schattenspendenden Pavillons und einem skulpturalen Sprungturm aus Beton.

In lokaler Tradition sind die Zeltdächer der Gebäude und Pavillons mit ligurischem Schiefer gedeckt und die Wände rosafarben verputzt. Durchaus traditionell wirken auch die Segmentbogenabschlüsse der Loggien und die den Kastellcharakter unterstützenden weissen Pfeilervorlagen und Eckbetonungen. Den Ausdruck der Hotelanlage insgesamt bestimmt aber vielmehr die weite Ebene der geometrisch gegliederten Dachterrasse mit den modernen Schwimmbecken, dem Turm und den luftigen Pavillons und die Ausstattung aller Räume mit von Marco Zanuso, Ignazio Gardella, Vico Magistretti und Luigi Caccia Dominioni entworfenen Möbeln und Stoffen. Diese Formen und Farben sorgen für eine flirrende und uneingeschränkt gegenwärtige Ferienstimmung.

Die Albergo Punta San Martion ist von Beginn an durch einen steilen Schrägaufzug mit der rund 50 Meter tiefer liegenden Strandpromenade Marina Piccola verbunden. Die Bergstation liegt oberhalb des grossen Schwimmbeckens. Zunächst verläuft an der Küste noch die von Genua nach Ventimiglia führende Bahntrasse, die aber 1965 ins Hinterland verlegt wird.

Parallel zur Albergo Punta San Martino arbeitet Ignazio Gardella auch an dem zentralen Dorfplatz der Pineta mit Geschäften, einer Bar, einem Restaurant und Wohnungen. Gardella entwirft einen rechteckigen Platz, der durch vier Baukörper gebildet wird, davon drei zweigeschossig mit Walmdach und einer eingeschossig mit begehbarem Flachdach. Allen vieren ist eine zum Platz hin offene eingeschossige Arkade eingeschrieben. Der Baukörper im Südwesten des Platzes ist allerdings nie realisiert worden, sodass die von Gardella konzipierte nahezu geschlossene Raumform – an zwei Ecken sollten die Baukörper nicht aufeinander treffen und Sichtachsen zur Küste und zum Hafen bilden – nur zu erahnen ist.

Betreten wird der gepflasterte Platz durch den leicht freigestellten Baukörper im Südosten; der mittig platzierte offene Durchgang findet seine Fortsetzung auf der gegenüberliegenden Platzseite in einer einläufigen Treppe, die auf die Dachterrasse des nur eingeschossigen Baukörpers führt. Dieser zugeordnet befindet sich in der Platzecke im Norden ein Restaurant mit einer Bar im Erdgeschoss, beide auch im Detail und in der Möblierung nach Gardellas Entwurf. Die umlaufende Arkade, bestehend aus Pfeilern und flachen, unterschiedlich weit spannenden Bögen, spendet Schatten für die dahinter liegenden Geschäfte. Die fünf Wohnungen im Obergeschoss haben verschieden grosse Fenster mit Klappläden zum Platz und Loggien in die Landschaft.

Wie schon das erste von Gardella entworfene öffentliche Gebäude, das Hotel, ist die Bebauung des Dorfplatzes rosafarben verputzt. Hier kontrastiert er den hellen Putz mit einer grafisch-knappen Nachzeichnung der Sockel, der Pfeilerkanten, der Fensterbänke und der Bogenrahmen in dunklem Schiefer, was dem Platz eine leicht surreale Wirkung gibt, die durch eine Reihe filigraner, ausserordentlich hoher Laternen noch verstärkt wird.

Gardella realisiert in den Pineta 1959 auch vier Apartmenthäuser, sogenannte Condominio südlich des Dorfplatzes und im selben Jahr mit der Casa Gardella sein eigenes Wohnhaus. 1960 wird die Villa De Negri nach seinem Entwurf fertig gestellt und 1961, zusammen mit Anna Castelli Ferrieri die terrassierte, in den Hang integrierte Villa Gatta und die ähnlich konzipierte Villa Castelli. Sein letztes Wohnhaus in den Pineta ist die Casa Silvio Coggi für den ehemaligen Präsidenten der Mailänder Messe aus dem Jahr 1971.'

8 Teil der Gruppe ist auch das Haus, das Luigi Caccia Dominioni für sich selbst entwirft und das von Ambrogio Gadola, dem Präsidenten der Cemadis.

Unweit des gesellschaftlichen Treffpunktes der Pineta, des Dorfplatzes, wird wenige Jahre später nach dem Entwurf von Luigi Caccia Dominioni auch ein geistlicher Ort der Versammlung realisiert, die Kirche San Martino. Dem Architekten ist eine solche Bauaufgabe nicht ganz fremd, aber so wenig konventionell wie er sie zuvor gelöst hat wird er es auch hier tun. Die kleine Kirche ist eingeschossig und hat einen ungerichteten Altarbereich im Zentrum, der von zwei schlanken, im rechten Winkel zueinander stehenden Flügelbauten in die Mitte genommen wird. Das "Kirchenschiff" im Osten ist ein Innenraum, das im Westen ein gedeckter Aussenraum, der Bodenbelag des Vorplatzes aus Pflastersteinen geht nahezu schwellenlos in den Innenraum, auch den Altarbereich über. Rosafarben verputzt, die Dächer mit Schiefer gedeckt und die Fensteröffnungen schlank und knapp, ist es trotz seiner besonderen Aufgabe und Bedeutung innerhalb der Bebauung der Pineta denkbar unauffällig und wirkt in einem befreiten Sinne profan.

Die unprätentiöse Unaufdringlichkeit der Kirche steht im Kontrast zu dem wohl exzentrischsten Wohnhaus in den Pineta, das Caccia Dominioni in den Jahren vorher als Teil einer Gruppe von Einfamilienhäusern für verschiedene Familienmitglieder und Freunde realisiert hat. In dem viergeschossigen Turmbau auf quadratischem Grundriss werden die Wohnungen unabhängig voneinander durch aussen liegende Treppen erschlossen. Die Erzählung von der Organisation und Funktionsweise des Hauses ist so lautmalerisch und ausdrucksstark wie poetisch. Und wie schon erwähnt hat Caccia Dominioni hier als einziger ein ortsbauliches Konzept von Offenheit und Durchlässigkeit umgesetzt, das eigentlich für die gesamte Siedlung hätte gelten sollen. Die Häusergruppe, die von der Via della Rotonda wie ein unregelmässiges Runddorf eingefasst ist, kommt erkennbar aus einer Hand, besteht aber aus sehr verschiedenen Baukörpern – hohen turmähnlichen, eingeschossigen, gedoppelten, gruppierten –, mit klarer Zuordnung der Eingänge und Gartenbereiche, hat aber keinerlei Zäune, Mauern oder andere Grenzziehungen.8

Marco Zanuso realisiert nach der Zusammenarbeit mit Ignazio Gardella am Hotel in den 1960er Jahren eine Hand voll Einfamilien-Wohnhäuser in den Pineta, in denen er vor allem zwei Themen und Raumformen variiert: den Patio und die Passage als caruggio, als enge ligurische Gasse. Bei der eingeschossigen, introvertierten Casa Cattania ist der Innenhof allseitig umschlossen, bei der terrassierten Casa Valle wird der zum Meer offene Patio von sorgfältig gemauerten Kurven eingefasst und bei den beiden dicht beieinander stehenden, stark differenzierten Volumen der rot verputzten Case Rosse hat die Passage fast schon urbanen Charakter.

Bei der Casa Leto di Priolo verbindet Zanuso das Thema der engen Passage und des Patios, der hier dreiseitig gefasst ist, mit einem komplex terrassierten Innenraum-Gefüge und einer eigenwillig harten und gleichzeitig landschaftsbezogenen äusseren Erscheinung. An der Strasse im Westen ist das Volumen eingeschossig, es dominieren geschlossene, mit gespaltenen grauen, horizontal geschichteten Steinplatten verkleidete Wände, die Stürze der Fenster sind kraftvolle Horizontalen, demonstrativ weiss verputzte klar konturierte Balken, die Fensterlaibungen sind trichterförmig schräg ausgestellt. Eine nur 1,20 Meter breite Fuge zwischen den Volumen bildet die Eingangsgasse. Entlang der gekurvten Wand des Kinderspielzimmers gelangt man über Treppenstufen hinunter in das Hauptgeschoss mit zentralem Patio und in Richtung Meer auskragender Terrasse – einer Terrasse ohne Bodenkontakt, denn der steile Hang lässt Raum für ein Sockelgeschoss darunter. Erst der Schnitt macht die räumliche Anlage verständlich: Die Höhendifferenz zwischen dem höchsten Punkt der Eingangsfront im Westen und dem tiefsten Punkt im Nordosten beträgt 8,50 Meter und sie wird im Inneren des Hauses in Abstufungen, nicht in eindeutige Geschosse gegliedert. Treppen und Treppenstufen sind zahlreich und ermöglichen, dass sich die Familie, die Gäste und das Personal separat durch den Raum bewegen können. Gleichzeitig werden durch die Höhenverschiebungen drei Raumgruppen gebildet: im Westen der Personalbereich oberhalb einer Garage, im Norden und Osten der differenzierte Wohnbereich mit Musikzimmer und einer Galerie mit Blick hinunter in den zweigeschossigen Speisesaal und im Süden ein Trakt mit dem besagten Kinderspielzimmer, einer Bibliothek und Gästezimmern. Die Schlafzimmer der Familie sind nach Osten ausgerichtet und befinden sich unterhalb der brückenartigen Terrasse. Die Zufahrt zur Garage, der Personaleingang und die Küche liegen im Norden.

Beeindruckend ist die räumliche Dramaturgie von engem Eintritt, geschütztem Patio und auskragender Terrasse zum Meer. Und in der archaischen, stark plastischen Gestalt des Hauses wird durch die verschieden grossen und unregelmässig gesetzten Fenster und Türen, durch Einschnitte und Ausstülpungen das innere Raumgefüge wohl sichtbar, aber nicht erzählerisch anschaulich. Es hält gar dem theoretischen Gedanken einer Massstabsänderung statt: Eine Überblendung dieses Ferienhauses von überschaubarer Dimension mit einem öffentlichen Gebäude Kahn'scher Prägung gelingt durchaus.

Das eingeschossige Casa Ercole von Gio Ponti liegt zentral in der Siedlung und hat – das muss der Beschreibung eines Hauses in den Pineta vorangestellt werden – keinen Ausblick auf das Meer. Der unregelmässig geformte, langgestreckte Baukörper füllt das Grundstück in seiner Längsausdehnung nahezu aus, es verbleibt ein knapper Vorplatz mit Eingang und Garage im Norden und ein kleiner Garten im Süden.

Das sehr flach geneigte Dach scheint auf den Wänden kaum aufzuliegen und lässt zur Aussenwand eine Fuge mit Oberlichtern. Nach Süden kragt es leicht aus und verschattet kleine überdachte Terrassen vor dem Wohnraum und den Schlafzimmern, deren Trennwände auch jenseits der Aussenwand fortgesetzt werden. Der zentrale Wohnraum ist durchgesteckt, grossflächig verglast und hat die grösste Raumhöhe, während der private Schlafbereich im Westen kleinteilig und intimer ausgebildet ist und der Personalbereich bei der Küche im Osten mit einem eigenen Zugang und ummauerten Wirtschaftshof auch autonom funktioniert.

Im gesamten Haus ist der Boden einheitlich und durchgehend mit blau-azurblau-weiss-diagonal gestreiften Keramikfliesen belegt. Aussen ist es grobkörnig weiss verputzt mit Einfassungen der Fenster und Türen aus blau emaillierten Keramikkieseln. Ponti scheint hier im ganz Kleinen Ideen für das zeitgleich in Planung befindliche Hotel Parco dei Principe in Sorrent zu testen. Dort, wo er wirklich jedes Möbel und Detail in Blau und Weiss selbst entwirft und das Meer tatsächlich unmittelbar zu Füssen liegt, kann er aus dem Vollen schöpfen. Hier gelingt ihm mit wenigen Mitteln eine ligurisch-mediterrane Miniatur.

Gio Ponti hat gleichzeitig mit der Casa Ercole gemeinsam mit seinen Büropartnern Alberto Rosselli und Antonio Fornaroli in den Pinatea die Apartmenthausanlage Condominio Costa del Tesoro realisiert. Die fünf fünfgeschossigen Häuser stehen Wand an Wand am steilen Hang sehr nah am Meer, also an einer Stelle, wo es ursprünglich keine Bebauung dieser Grössenordnung geben sollte.

 Vico Magistretti realisiert in den Pineta zwei Ferienhäuser, bei denen er das Konzept der Integration in die Landschaft auf eine damals neue Art und Weise radikalisiert: Er macht die Flachdächer der Häuser zu begehbaren Gärten. Die Casa Arosio ist das erste Einfamilienhaus in der Siedlung und Magistretti berücksichtigt konsequent die im Generalplan formulierte Idee des respektvollen Umgangs mit der Landschaft, in dem er die sehr artikuliert gegliederten Baukörper der Geländelinie folgen lässt und das der Grundfläche geopferte Grün kompensatorisch auf das Dach hebt.

Der Eingang im Nordosten in einer geschützten Nische führt geradlinig in den einige Stufen tiefer gelegenen Wohnbereich. Auf dem Eingangsniveau befindet sich im Nordwesten das Volumen mit den Schlafzimmern und in Richtung Südosten das am tiefsten gelegene Volumen mit der Küche und dem Service- und Personalbereich. Darüber und insgesamt am höchsten befindet sich der quergelagerte Baukörper mit den Kinderzimmern. Das Innere ist vorwiegend durch Stufen und kaum durch Wände gegliedert, sodass ein kontinuierlicher Raumzusammenhang entsteht. Die Möbel und Einbauten sind ebenfalls von Magistretti entworfen.

Die vier Volumen auf unterschiedlichen Niveaus erzeugen eine entsprechend abgetreppte Dachlandschaft, die vom obersten Geschoss oder über eine Treppe direkt vom Garten aus betreten werden kann. Sie sind weiss verputzt mit einer Beimischung von Glaspulver, sodass die Oberflächen leicht glänzen und reflektieren. Auch das Holz der schlanken hohen Fenster und Läden ist weiss, während die horizontalen Flächen mit dunklem Schiefer belegt sind. Wie bei einigen anderen Ferienhäusern in den Pineta auch hat Elena Balsari Berrone hier die auf die Einheit von Haus und Garten zielende Landschaftsgestaltung übernommen.

1964 realisiert Magistretti für die Familie Gardella ein weiteres Haus mit begehbarem Dachgarten ebenfalls in Zusammenarbeit mit Elena Balsari Berrone. Es ist aber die Casa Arosio, mit der Vico Magistretti unmittelbar Aufsehen erregt. Sie wird im September 1959 auf dem CIAM-Kongress heftig kritisiert: zu sehr an lokalen Bauweisen orientiert – Fensterläden!, an Traditionen und der konkreten Landschaft. Demonstrativ hebt Ernesto Nathan Rogers die Casa im Dezember desselben Jahres in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift Casabella Continuità auf das Titelblatt.

Dank an Valter Scelci und an Christiano Lepratti sowie an die weiteren Kolleginnen und Kollegen der Universität Genua, darunter Elisabetta Canepa, Giovanni Carli, Giovanni Galli und Beatrice Moretti, dass sie im Rahmen eines internationalen Symposiums und Workshops mit der Hochschule Bremen und der FAU Lisboa im Sommer 2026 auf die Pineta di Arenzano aufmerksam gemacht haben.

Literatur:

  • Barisone S., Fochessati M., Franzone G., Canziani A.: Architetture in Liguria dagli anni Venti agli anni Cinquanta, Mailand 2004.
  • Casamonti M. (Hg.): Ignazio Gardella, architetto: Costruire le modernità, Mailand 2006.
  • De Giorgi M. (Hg.): Marco Zanuso, Mailand 1999.
  • Franzone M., Patrone G.: La pineta di Arenzano. Architettura e paesaggio. Storia di un'utopia mancata, Mailand 2010.
  • Gavazzi, Alberto, Luigi Caccia Dominioni: spazio sacro e architettura, Bologne 2015.
  • Irace F., Marini P.: Luigi Caccia Dominioni. Stile di Caccia: case e cose da abitare, Venedig 2002.
  • Irace F., Pasca V.: Vico Magistretti. Architetto e designer, Mailand 1999.
  • Monestiroli A.: Ignazio Gardella, Mailand 2009.
  • Ponti L. L.: Gio Ponti. L'opera, Mailand 1990.

  • Casabella Continuità 234, 12/1959
  • Domus 344, Juli 1958
  • Domus 363, 02/1960
  • Domus 369, 08/1960
  • Domus 392, 07/1962
  • Domus 395, 10/1962
  • Domus 439, 06/1966

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